Kein Name, kein Foto, kein Alter

Anonyme Bewerbung: Pilotprojekt gegen Diskriminierung bei der Jobsuche

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Hat Anna bei ihrer Bewerbung mehr Chancen als Ayse? Eine Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) bestätigt diese Befürchtung: Demnach werden Bewerber mit einem türkisch klingenden Namen bei gleicher Qualifikation deutlich seltener zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, als Bewerber mit einem deutschen Namen. Doch auch Merkmale wie Alter, Geschlecht und Konfession können das Bewerbungsverfahren entscheidend beeinflussen.

Pilotprojekt “Anonyme Bewerbung”

Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Logo Angesichts der ungleichen Bewerbungschancen hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes die Initiative “Anonyme Bewerbung” gestartet. Mehrere Behörden sowie auch fünf Großunternehmen, darunter die Deutsche Telekom und die Deutsche Post, nehmen daran teil. Ab Herbst akzeptieren sie ein Jahr lang nur noch anonyme Bewerbungen ohne Angaben zu Nationalität, Alter, Geschlecht, Familienstand oder Name. So sollen allein die Leistung und Qualifikation in die Entscheidung für oder wider einen Bewerber einfließen.

Das Pilotprojekt soll während der gesamten Laufzeit wissenschaftlich begleitet werden. “Wir wollen einerseits herausfinden, welche Erfahrungen Personalverantwortliche mit dem neuen Verfahren machen, andererseits interessieren uns natürlich auch die Reaktionen der Bewerbenden”, erläutert die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders. Darüber hinaus wolle man Tendenzen ermitteln, ob es bisher oft benachteiligte Gruppen wie Menschen mit Migrationshintergrund, Ältere und Frauen mit Kindern tatsächlich öfter in Vorstellungsgespräche und in Jobs schaffen als bisher. Auch solle ermittelt werden, ob sich für die Unternehmen neue Bewerbergruppen auftun – etwa Menschen, die sich nach einer Vielzahl von frustrierenden Absagen derzeit gar nicht mehr bewerben.

Kritik von Personalmanagern

Ablehnung gegen die diskutierte Möglichkeit der anonymen Bewerbung kommt dagegen vom Bundesverband der Personalmanager (BPM). “Die anonyme Bewerbung erhöht die Chancengleichheit von Bewerbern allerhöchstens in der ersten Phase der Bewerberauswahl. Spätestens beim persönlichen Vorstellungsgespräch wird die Anonymität zwangsläufig aufgehoben”, argumentiert BPM-Präsident Joachim Sauer. Anonyme Bewerbungen schützen damit weder Bewerber vor tatsächlicher Diskriminierung noch die Firmen vor der Möglichkeit des Vorwurfs, diskriminierende Personalauswahl zu betreiben. Im Ergebnis würde ein Zwang zu anonymisierter Bewerbung Diskriminierung lediglich symbolisch verhindern, so die Überzeugung der Personalmanager. Es entstünden allerdings erhebliche zusätzliche Kosten bei der Personalgewinnung.

Bei der Antidiskriminierungsstelle verweist man hier jedoch auf den von vornherein begrenzten Ansatz des Pilotprojektes: Bei der anonymen Bewerbung gehe es um Chancengleichheit in der ersten Phase des Verfahrens. Durch standardisierte Bewerbungsbögen solle der Blick der Personalverantwortlichen konsequent auf die Qualifikation der Bewerberinnen und Bewerber gelenkt werden. “Sobald die Einladung zum Vorstellungsgespräch ausgesprochen ist, erhalten die Personaler die kompletten Unterlagen und können sich vorbereiten”, schränkt Lüders ein.

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Zustimmung bei Jobsuchenden

Derweil belegt eine Umfrage* des Online-Karriereportals Monster.de, dass 40 Prozent der deutschen Umfrageteilnehmer anonyme Bewerbungen als hilfreiches Mittel gegen unbewusste oder bewusste Diskriminierung befürworten – allerdings nur in der ersten Bewerbungsrunde. 60 Prozent der Befragten glaubten nämlich auch, dass eine erhöhte Chancengleichheit spätestens im Bewerbungsgespräch nicht mehr realistisch sei.

Der Vergleich mit Österreich und der Schweiz zeigt dem Jobportal zufolge, dass die Umfrageteilnehmer Chancen und Grenzen der anonymen Bewerbung ähnlich einschätzen. So gaben 37 Prozent der befragten Österreicher und 41 Prozent der Schweizer an, dass sie durch die anonyme Bewerbung das Kriterium der Qualifikation in der ersten Bewerbungsrunde gesichert sehen. Für 59 Prozent der Schweizer und sogar 63 Prozent der Österreicher jedoch sei die Unvoreingenommenheit der Arbeitgeber spätestens im Bewerbungsgespräch nicht mehr sichergestellt.

*) 4.061 Befragte in Deutschland, Österreich und der Schweiz stimmten vom 23. August bis zum 5. September 2010 bei der Umfrage ab. Das Karriereportal Monster führt in regelmäßigen Abständen Befragungen auf lokalen und globalen Webseiten des Unternehmens zu Themen rund um Arbeitsplatz und Karriere durch. Diese Befragungen sind nicht repräsentativ, sondern spiegeln die Meinung der Nutzer von Monster wider.

Quelle: Antidiskriminierungsstelle des Bundes, monster.de
Bild: Logo der Antidiskriminierungsstelle des Bundes
(ENDE) finanzwertig.de/01.10.2010

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