Trinkgeld statt fester Lohn

Einpackhilfen: Die Null-Euro-Jobber

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Einpackhilfen als Null-Euro-Jobber: Die Vermittlungsfirma Friendly Service vermittelt Schüler und Studenten als “selbstständige” Einpackhilfen an interessierte Supermärkte. Statt einer festen Bezahlung arbeiten sie nur für die Aussicht auf ein angemessenes Trinkgeld.

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Nach Deutschland schwappt eine neue Welle der Niedriglohn-Alternativen aus den USA herüber. Wie das Wirtschaftsmagazin “impulse” (Ausgabe 12/2009) berichtet, packen Schüler und Studenten bereits an einer ganzen Reihe von Supermarkt-Kassen die Einkaufstüten und bekommen dafür nichts außer Trinkgeld von den Kunden.

Selbstständig auf Trinkgeld-Basis

Vermittler der Einpackhilfen ist das Unternehmen Friendly Service. Dessen Firmenchef Martin Lettenmeier schließt jeweils einen Vertrag mit den als “selbstständig” deklarierten Helfern. Im Gegenzug erhielten die Einpackhilfen von ihm lediglich ein Regelhandbuch. Bei der Schichteneinteilung achte er zudem darauf, dass keine Sozialabgaben und Steuern für die Trinkgeld-Empfänger anfallen. Dafür müssen diese lediglich ihren täglichen Trinkgeld-Verdienst an Lettenmeier melden.

Die Idee kam Lettenmeier in seiner Zeit als Hausmann mit drei Kindern – damals vermisste er hilfreiche Einkaufshilfen im Supermarkt. Während der Umsetzung der Hartz IV-Reformen präsentierte er der Diakonie ein entsprechendes Konzept. Gemeinsam wurden dafür Schulabbrecher angeheuert. Doch schnell zeigte sich: Trinkgeld erhalten in der Regel nur kommunikative Gymnasiasten. Der Theologe Lettenmeier änderte die Strategie und nahm nur noch Gymnasiasten und Studenten. Wer von ihnen mehr Trinkgeld bekommt, kann sich bessere Schichten aussuchen. Wer dagegen einmal unentschuldigt fehlt, wird aus der Vermittlungskartei gestrichen.

“Ein brutal kapitalistisches System”

Seit Frühjahr 2006 bietet Lettenmeier seinen überarbeiteten Einpack-Service an. Mittlerweile kann er vom Umsatz leben – “sehr gut sogar”, wie er von “impulse” zitiert wird. “Innerhalb des gesetzlichen Rahmens ist das eine geniale Idee”, summiert er sein Konzept. Gleichzeitig gestand er aber auch ein, dass es sich dabei um “ein brutal kapitalistisches System” handelt.

Auf der Kundenliste von Friendly Service stehen laut “impulse” 32 Läden der Edeka-Gruppe, vor allem in Bayern, aber auch zwei in Berlin, einer in Dresden. Von den Supermärkten kassiere Lettenmeier für jeden Einpackhelfer drei bis fünf Euro je Stunde. Offenbar eine gute Investition für schnellere Durchgangszeiten an den Kassen und ein insgesamt verbessertes Serviceangebot. “Die Dienstleistung wird sehr gut angenommen”, bestätigte Bastian Stehle von Neukauf Südbayern gegenüber “impulse”.

Ramponiertes Image

Doch angesichts der geballten Berichterstattung und der deutlichen Reaktionen in der Öffentlichkeit rudern die beteiligten Unternehmen inzwischen zurück. Davon betroffen ist beispielsweise ein Test der Einpackhilfen bei der Drogeriekette Budnikowsky in Hamburg. Man habe den Vertrag mit Friendly Service gekündigt, hieß es dort bereits einen Tag nach dem Erscheinen des Berichtes. “Die heftigen Reaktionen haben uns überrascht. Wir haben uns klar dafür entschieden, aufzuhören”, erklärte Susan Hellmann von Budnikowsky. Und auch bei Edeka-Südbayern wird das Geschäftsverhältnis jetzt geprüft, wie “impulse” weiterhin berichtet.

Immerhin ist es nicht gerade förderlich für das Firmenimage, wenn bei Kunden der Eindruck entsteht, ein Supermarkt behandelt womöglich seine Mitarbeiter schlecht. Selbst Lettenmeier bezweifelt inzwischen, ob es seinen Einpack-Service in der jetzigen Form noch lange geben wird. Schuld daran hat seiner Meinung nach vor allem ein stigmatisierendes Wort: “Das Schlagwort Null-Euro-Jobber. Mich hat es erschlagen”, klagt er in der Süddeutschen Zeitung.

Quelle: Friendly Service, impulse.de
(ENDE) finanzwertig.de/14.12.2009

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