Länderbericht Deutschland des "Global Entrepreneurship Monitor"(GEM)

Ein Drittel der Firmengründungen aus Mangel an Erwerbsalternativen

Kategorien: Förderprogramme, Wirtschaftsnachrichten, aktuell | Tags: , , , , , ,

Deutschland ist ein Land der Arbeiter und Angestellten und dürfte das wohl auch bleiben. Denn nach wie vor planen oder gründen lediglich vier Prozent aller Erwerbstätigen ein Unternehmen. Im Ranking des aktuellen Global Entrepreneurship Monitors (GEM) landet Deutschland damit nur auf Platz 15 von 20 Ländern der OECD und anderen innovationsbasierten Volkswirtschaften. Vor allem Angst vor der Selbstständigkeit und ein Wildwuchs an staatlichen Förderprogrammen erschweren Neugründungen.

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Die Zahl der Unternehmensgründer ist in Deutschland im internationalen Vergleich sehr niedrig, befinden die Arbeitsmarktforscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Im Jahr 2009 waren 2,2 Prozent der 18- bis 64-Jährigen gerade dabei, ein Unternehmen zu gründen. Weitere 1,9 Prozent machten sich während der vergangenen dreieinhalb Jahre selbständig. Damit belegt Deutschland innerhalb von 20 vergleichbar hochentwickelten Ländern den 15. Platz. Deutlich vor Deutschland liegen unter anderem Norwegen, Schweiz und die USA. Schlusslichter sind Belgien und Japan.

Bei einer Umfrage unter 6.000 Erwachsenen sprachen sich der GEM-Studie zufolge 43 Prozent der Befragten aus Angst zu scheitern gegen eine Unternehmensgründung aus. 32 Prozent der angehenden Unternehmer habe angegeben, nicht aus Freiheitsliebe oder Selbstverwirklichung, sondern aus Mangel an Erwerbs-Alternativen diese Laufbahn einschlagen zu wollen.

Undurchschaubarer Fördermittel-Dschungel

Auf Seiten der Politik gehören Förderprogramme für Unternehmensgründer seit Jahren zum Repertoire wirtschaftlichen Wachstums. Allerdings scheint ihr Nutzen fraglich, wie die GEM-Daten belegen: “Die Hypothese, dass staatliche Fördermittel Gründungsaktivitäten fördern, lässt sich mit den Daten aus den vergangenen zehn Jahren nicht zweifelsfrei belegen”, meint Rolf Sternberg, Leiter des deutschen GEM-Teams. Vielmehr bildeten die verschiedenen Initiativen von Bund, Ländern und der EU oftmals ein undurchschaubares Netz aus finanziellen Hilfen.

Beratungsinfrastruktur für Gründer bislang zu wenig genutzt

Trotz einer gut ausgebauten Beratungsinfrastruktur lassen sich erstaunlich wenige Gründer beraten, stellten die IAB-Forscher bei ihrer Untersuchung weiterhin fest. Nur jeder dritte Gründer nutze eine gewerbliche Beratung – und nur jeder vierte eine Beratung öffentlicher Träger, obwohl diese meist kostenlos seien. “Die vielfältigen Beratungsmöglichkeiten müssen daher erheblich offensiver vermarktet werden und Gründungswilligen stärker angetragen werden”, argumentieren die Arbeitsmarktforscher. Dies liege auch im Interesse der potenziellen Gründer: Eine gute Beratung würde so manchen nicht ausgereiften Gründungsversuch entweder verhindern oder soweit verbessern, dass seine Erfolgsaussichten steigen.

Schlechtes Unternehmerbild schon in der Schule

Neben den fehlenden Finanzierungsmöglichkeiten liegen die größten Schwächen Deutschlands der Studie zufolge allesamt im kulturellen Bereich. “Sich als Selfmade-Man ein Unternehmen aufzubauen, gilt in den USA als erstrebenswert”, erklärt Forscher Sternberg dazu. “Die Deutschen wünschen sich dagegen eher, dass alle Menschen einen ähnlichen Lebensstandard haben. Das passt schlecht zusammen mit Wettbewerb und Unternehmertum.”

Unternehmer würden in Deutschland vielfach nicht als Macher, sondern Ausbeuter wahr genommen werden. Das lernten Kinder schon in der Schule. Veraltete Lehrpläne der Regierung und ihr Einfluss auf Schulbuchverlage unterstützten das feindliche Klima in Schulen gegenüber Firmengründungen.

Mehr dazu auch im IAB-Kurzbericht (8/2010): Unternehmensgründungen in Krisenzeiten (.pdf-Datei). Und bei Interesse gibt es hier noch den kompletten GEM-Länderbericht Deutschland von 2009 (.pdf-Datei.)

Hintergrund: Der Global Entrepreneurship Monitor (www.gemconsortium.org) wird seit 1999 jährlich veröffentlicht. Er erfasst die unternehmerischen Aktivitäten auf nationaler Ebene. Im Jahr 2010 nahmen 180.000 Menschen aus 54 Ländern teil. Die Ergebnisse der Gründerklima-Studie speisen sich allein in Deutschland aus Antworten von über 6.000 Erwachsenen, die Forscher der Leibniz-Universität Hannover und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ausgewertet haben.

Quelle: IAB, “impulse” (G+J)
(ENDE) finanzwertig.de/29.04.2010

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