"Wer nicht wirbt, der stirbt"

Zwischen Pietät und Marktwirtschaft: Bestattungsmarkt im Wandel

Kategorien: Mittelstands-News, Small-Talk-Wissen, Wirtschaftsnachrichten, aktuell | Tags: , , , , , , , ,

Vom Friedhof zum Begräbniswald, Urne statt Eichensarg oder ein Grabstein “Made in China” – die Bestattungskultur in Deutschland hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert. Standesgemäß gediegene Beerdigungen nach traditionellem Muster sind außer Mode gekommen. Der Trend geht zu individuellen Bestattungen oder Billigangeboten, wie das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln festgestellt hat.

ANZEIGE

Im Zusammenhang mit Tod, Trauer und der Gestaltung der “Letzten Reise” seien Werbung, Preisvergleiche und andere Verkaufshandlungen eine heikle Angelegenheit. Dennoch sehe sich die Bestatterbranche seit Beginn der 1990er Jahre zunehmend mit diesen Themen konfrontiert. “Hinterbliebene entscheiden heute anders”, fasst der Soziologe Dominik Akyel vom Max-Planck-Institut das Ergebnis seiner Recherchen zusammen.

Ein Grund hierfür sei ein gewandeltes Entscheidungsverhalten der Hinterbliebenen, ausgelöst durch einen religiösen Bewusstseinswandel und neue Lebensgewohnheiten. In den letzten zwei Dekaden sei der Anteil von Menschen, die sich nicht mit christlichen Werten und Normen identifizieren könnten, in Deutschland deutlich gestiegen. “Dadurch verloren auch die traditionellen christlichen Bestattungs- und Gedenkformen an Bedeutung”, so der Forscher. Zudem wechselten besonders junge Menschen heute häufiger ihren Wohnort als vor 20 Jahren und lebten oft weit entfernt von ihren Eltern. Dementsprechend würden die Grabstätten auch seltener aufgesucht.

Rücksicht auf Kundenwünsche

Darüber hinaus hat Akyel einen Trend zu kleineren, intimeren Trauerfeiern ausgemacht. Dabei werde zunehmend Wert darauf gelegt, dass die Bestattung zum Leben und der Persönlichkeit des Verstorbenen passe. Das gelte besonders beim Kauf von Särgen und Grabmälern, aber auch für die Wahl des Bestattungsinstituts. Auch komme es inzwischen immer öfter vor, dass Menschen schon zu Lebzeiten ihren Abgang von der Weltbühne regeln. “Viele informieren sich in diesem Fall genau über das Angebot und holen Kostenvoranschläge ein”, beschreibt der Soziologe das veränderte Klientenverhalten. Die Unternehmen würden dadurch gezwungen, ihr Angebot stärker an den Kundenwünschen auszurichten. Kunden könnten mittlerweile zudem aus mehreren Bestattungsmöglichkeiten wählen: außer der klassischen Lösung könne beispielsweise ein exklusives individuelles Begräbnis oder ein Billigangebot aus dem Internet erworben werden.

Geiz ist geil – auch auf dem Bestattungsmarkt

Ergänzend dazu zeigt sich laut dem Max-Planck-Institut auch, dass zunehmend günstigste Angebote den Vorzug erhalten – und das aus verschiedenen Gründen. “Weil die Bestattung als soziales Ereignis ihre Bedeutung verliert, halten viele Menschen eine aufwändige und kostspielige Beerdigung nicht mehr für notwendig”, erklärt Akyel. Manchmal stecke hinter dem Geiz auch schlichter Geldmangel. Seitdem die Kassen das Sterbegeld nicht mehr bezahlen, fehlten manchen Hinterbliebenen die finanziellen Mittel für eine traditionelle Bestattung, die leicht mehrere tausend Euro kosten kann – Grabpflege exklusive.

Marktwirtschaft hält Einzug

Will sie überleben, muss sich die Branche der Bestatter auf neue Bedingungen einstellen. Denn nicht nur das Kundenverhalten hat sich der Studie zufolge verändert. Die gesamte Marktsituation präsentiere sich den traditionell eher diskret auftretenden Bestattungsunternehmen völlig anders als noch vor zwei Jahrzehnten: Durch Gesetzesreformen sei seit den 1990er Jahren vieles möglich, was zuvor undenkbar gewesen wäre. So entstanden beispielsweise durch die Privatisierung des Friedhofs- wie auch Bestattungswesen vielerorts private Verbrennungsstätten, die oftmals preisgünstiger und kundenorientierter arbeiteten als die kommunalen Betriebe. Mit der Privatisierung rückte auch die Profitorientierung in den Vordergrund – und das in einem Bereich, in dem wirtschaftlichen Interessen und ökonomisches Handeln eigentlich als hochunanständig gelten.

“Mittlerweile befindet sich etwa ein Drittel der Krematorien in Deutschland in privater Hand”, so Akyel über die Trendwende in Fragen der Pietät. Gleichzeitig etablierten sich neuartige Begräbnisstätten wie zum Beispiel Friedwälder oder Kolumbarien, wo Urnen unter Bäumen oder in Mauereinlässen Platz finden. Für zusätzlichen Druck auf die Branche hierzulande sorgten auch internationale Anbieter, die auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen versuchten. Unter dem Strich erwirtschafteten viele Unternehmen zwar noch immer gute Gewinne, trotzdem ist der Jahresumsatz pro Bestattungsunternehmen seit den 1990er Jahren um ein Viertel zurückgegangen.

“Wer nicht wirbt, der stirbt”

Am stärksten betroffen seien die alteingesessen, wenig spezialisierten Institute in den Großstädten. “Bestattungsunternehmen müssen eine neue Handlungslogik finden, wenn sie ihre Kunden auf anderen Wegen als bisher ansprechen wollen”, rät Akyel. Für ihn als Wirtschaftssoziologen sei das eine spannende Situation. “Denn hier lässt sich sehr genau beobachten, wie Marktmechanismen funktionieren, Tabus an Kraft verlieren und sich Illegitimes in Legitimes wandelt.” Dass modernes Marketing wichtig ist, hat die Branche inzwischen schon gemerkt. So hat das Kuratorium Deutsche Bestattungskultur vor einiger Zeit einen Plakatwettbewerb ausgerufen, bei dem “auffallende, auffallend subtile oder auch betont einfache Entwürfe” gesucht wurden, die für die Bestattungsvorsorge Reklame machen sollte.

Quelle: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung
(ENDE) finanzwertig.de/18.11.2010

Leider noch keine weiteren Artikel zum Thema...

RSS-Grafik
Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie doch den finanzwertig.de-Feed. So werden Sie immer mit den aktuellen Beiträgen versorgt.

Artikel kommentieren